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Zipfelberge, Bambusflöße und Sommergefühle - ein Hoch auf den chinesischen Süden!

Von Städten, Smog und regnerischem Herbstwetter haben wir so langsam genug ... regnerisches Herbstwetter? Das hätten wir ja auch zu Hause haben können. ;-) So haben wir uns entschieden, in die Provinz Guanxi im Süden des Landes zu fahren - der Sonne und den warmen Temperaturen entgegen. Doch nicht nur die Sonne ist Reiseanlass, sondern auch die romantischen Bilder des Li-Flusses, der sich durch die Karsthügel schlängelt und auf dem bei untergehender Sonne ein Kormoranfischer auf Mission ist. Guanxi  oder tibetisches Hochland in der Provinz Sichuan - stets von Neuen sind wir "gezwungen", Entscheidungen zu treffen und früher oder später mit den Konsequenzen zu leben. Aufgrund des unbeständigen Wetters entscheiden wir uns für die Karstberge. Wo liegt gleich noch mal Guilin? Was auf der großen China-Karte schnell gefunden und mit dem Finger und gedanklich schnell erreicht ist, befindet sich in Realität gut 1500 km von Xian entfernt. Das ist in China keine unerreichbare Entfernung.


So steigen wir am 09. Oktober morgens in den Schnellzug und rollen mit bis zu 310 Kilometern pro Stunde gen Süden. Die Tickets für unsere Plätze haben wir ein paar Tage zuvor  online über eine Agentur gebucht. Wir machen es uns gemütlich, klappen die Lehnen zurück, freuen uns über den Platz und das Fenster. Auf der langen Strecke wird es bestimmt einiges zu sehen geben. Ändert sich die Landschaft? Wann kommt die Sonne durch?  Ist es auch außerhalb der Städte so smogig? Kurzum: Wir sind ein bisschen ernüchtert. Ist das Reisen mit dem Schnellzug doch eine sehr komfortable Angelegenheit, so gibt es (zumindest auf der Strecke Xian - Guilin) nicht allzu viel zu beobachten. Häuserschluchten, Baugerippe, Millionenstädte, Industrie, landwirtschaftlich genutze Fläche. Ein dicker Nebel hängt in der Luft. Hier verpassen wir nicht viel. So wird gelesen, gedöst und Fotos aussortiert. Ein herrlich fauler, aber in keinster Weise nutzloser Tag! Gut eine Stunde vor Guilin blinzelt die Sonne das erste mal durch die Wolke und hinein zum Fenster - so haben wir das bestellt. Auch die Außentemperatur-Anzeige klettert nach oben: 25 - 27 - 29 Grad Celsius. Wird es heute etwa möglich sein, mal das schon so lange ungenutze Kleid auszuführen? Guilin empfängt uns mit wabernder Sommerluft. Wir blicken nach oben und  können endlich mal wieder den Himmel sehen. Zarte Wolkenformationen zieren ihn. Wir sind angekommen!

Guilin ist - für chinesische Verhältnisse und in unserer Wahrnehmung - eine zielmlich entspannte Stadt: Der Li-Fluss schlängelt sich durch die Stadt, Karstkegel erheben sich am Flussufer, in Parkanlagen  und zwischen den Häusern, auf kleineren, mit stattlichen Pagoden geschmückten Seen fahren Bötchen, in der Fußgängerzone tobt das konsumorientierte Leben und die Straßen werden von Rollerfahrern bevölkert. Rote Lampions und Lichter in allen Farben tauchen die touristischen Viertel in wohliges Licht. Wir sitzen auf einer Mauer am Ufer des Lis, lassen den Blick schweifen und beobachten die Muschelsammler, Fischer, die Karstzipfel, das ruhig fließende Wasser und essen Abendbrot: zwei Dosen kaltes Bier, eine Portion Sesamnudeln und gebratenen Anananas-Gemüse-Reis vom Food-Market. Es war eine gute Entscheidung, den weiten Weg in den Süden angetreten zu haben.

Guilin ist unsere Ausgangsbasis für die Touren ins Umland: Ein paar Tage wollen wir südlich der Großstadt inmitten der Fluss-und Karstkegellandschaft verbringen und später werden wir noch die Reisterassen von Longsheng im Nordwesten besuchen. Unsere große Tasche bleibt also im Hostel in Guilin und wir starten mit leichten Rucksäcken. Der ÖPNV funktioniert in China übrigens hervorragend und ist stets bestens organisiert. Auch wenn wir keine Ortsname lesen können, so helfen die Busbegleiter den ratlosen Blondschöpfen immer weiter. Mit der richtigen Einstellung "wir werden schon ankommen" und der Unterstützung von maps.me (was würden wir nur ohne diese App machen?) kommt man in der Regel gut von A nach B und ans Ziel.

Die Kleinstadt Yangshuo liegt imposant eingekesselt von steilen Karsthügeln am Li-Fluss. Mit allen Annehmlichkeiten (Unterkünfte en masse, Läden, Saftbars, Deutscher Biergarten mit Chinesinnen in Dirndln, Fahrradverleih, ...), aber eben auch allem Rummel, der damit einhergeht, ist Yangshuo kein ruhiger Ort. WIr entscheiden uns daher, gut 6 kilometer außerhalb und am kleineren, nicht mit Motorbooten schiffbaren Yulong-Fluss zu wohnen und wir werden nicht enttäuscht. Das WADA-Hostel empfängt uns herzlich und wir fühlen uns in unserem Zimmer im obersten Stock mit Panorama-Fenstern, großem Bett und eigenem Bad sehr wohl.

Neben der Lage punktet das Hostel auch mit

  • guter Küche (an einem der nächsten Abende gönnen wir uns mal eine Pizza mit Käse - letzteres ist Mangelware in China)
  • Leihfahrrädern (leider in relativ schlechtem Zustand, aber ab spätem Nachmittag kostenfrei - wir nutzen also schon am Tag der Ankunft die Gelegenheit und rollen staunend am Yulong-Fluss entlang) / Tipp für alle, die auch gerne mal weiter fahren: In Yangshuo verleiht BikeAsia hervorragende Trekkingräder für ca. 10 €/Tag. Wir haben diesen Komfort bei einer größeren Tour sehr genossen. Verlässt man nämlich den Yulong-Fluss und fährt durch das Hinterland, dann wird es schnell sehr hügelig und ein gutes Rad mit entsprechender Übersetzung ist Gold wert.
    Unsere Tour: Yangshuo - Chaolong - entlang des Yulong-Flusses gen Norden - historische Brücken - Jinbao - Moon Hill Scenis Area - Brücke Yulong - Chaolong. Ca. 70 Kilometer.
  • Verleih von Rollern (nutzen wir am zweiten Tag ausgiebig - Manus Wunsch geht endlich in Erfüllung und wie rollern gut 140 Kilometer durch die Umgebung und lassen uns an diesem mit 34°C wirklich sehr heißen Tag die warme Luft um die Nase wehen).
    Unsere Tour: Hostel in Chaolong - Yangshuo - Fuli (Tempel am Fluss, Altstadtgassen, Markt) - Xingping (mit Abstechern nach rechts und links) - Yangshuo - Dutoucun - Liugongzun - Moon Hill Scenic Area - Brücke Yulong - Chaolong.

Sowohl mit dem Roller, als auch mit dem Rad genießen wir die Unabhängigkeit und die Freiheit, einfach dahin zu fahren, wo wir wollen und jederzeit anhalten zu können. Hinter jeden Flussbiegung oder Kurve warten neue Zipfelberge auf uns. In den Dörfern (abgesehen von den Zentren von Yangshuo und Xingping) und auf dem Land ticken die Uhren noch anders. Zum einen wirken die Menschen sehr ausgeglichen, ihnen ist doch die harte Feldarbeit deutlich anzusehen. Zarte, sehnige und faltige Frauen mit schiefen Hüften balancieren auf ihren Schultern Stangen, an denen vorn und hinten jeweils ein Behälter hängt, der zum Transport genutzt wird. Wasserbüffel, Hühner und Hunde stromern um die Häuser und über die Wiesen. Auf den Feldern wird gehackt, gegraben, geerntet, sortiert. Die Menschen winken uns zu, schauen neugierig und rufen freundlich "Hellau". Leider wird unglaublich viel gebaut - jedes dritte Haus scheint Baustelle zu sein, sodass die Dörfer und Siedlungen selbst einen wenig anheimelnden Eindruck machen. Stehen die Türen bei den Häusern offen, dann luken wir vorsichtig hinein: Für Gemütlichkeit scheint man hier keine Sinn zu haben. Nackte Böden aus Beton, kleine Plastikschemel, Tisch, Fernseher, Neonlichter. Wir sind froh, "nur" zu Besuch zu sein.

Der Yulong-Fluss ist im Gegensatz zu seinem größeren "Bruder", dem Li-Fluss, ein beschaulicheres Gewässer: Motorboote sind verboten. Wer den Fluss per Boot erkunden möchte, muss Bambusfloß fahren. Wie alle touristischen Dienstleistungen in China ist das Bambusfloss-Fahren perfekt organisiert - die Flößer warten an unterschiedlichen Einsatzstellen auf Kundschaft (ist keine Kundschaft in Sicht, wird geschnackt, geangelt, mit dem Handy gespielt oder gedöst), fahren - sobald Kundschaft gefunden - flussabwärts. Der Transport der Flöße zum Ausgangspunkt erfolgt später mit LKWs. Wir sehen viele hundert Flößer, die auf Gäste warten - wenn in China etwas gemacht wird, dann ist es groß. Wir verzichten auf das Gestakse, ist es doch leider nicht möglich, ein Bambusfloß ohne Flößer auszuleihen.

Kein Land ohne Markt - wann immer es möglich ist, versuchen wir, lokale Märkte zu besuchen. So auch die Markthalle und das Marktviertel in Fuli. Autoladungen voll Melonen, Pomelos, Mandarinen, Bananen, Passionsfrüchte. Gemüse aller Art. An sehr einfachen Ständen und an Straßenküchen wird gekocht, gedünstet und gebacken. In der zweiten Reihe geht ein Barbier seinem Handwerk nach - wollte Manu nicht auch bald mal seine Haare scheren lassen? Heute (noch) nicht. Textilien, Plastikgefäße aller Formen und Farben. Trockenfrüchte, Süßigkeiten. Alles was das Herz begehrt. Und vieles, was wir nie im Leben berühren, kaufen oder geschweige denn essen, würden: Lebendige und gerupfte Hühner, die entsprechenden Füße, undefinierbare fleischige Teile, Fische, die aus Wasserbecken springen und die auf ihr letztes Stündlein warten und Hundefleisch. Wir haben es gelesen und auch gewusst. Aber zu sehen, wie ein gehäuteter Hund klein gehackt wird, ist noch einmal ein anderer Schnack. Wir sehen den Mann, der an der Garküche das Fleisch zerteilt und blicken schnell wieder weg. Andere Länder - andere Sitten. Die herumhuschenden Ratten geben uns den Rest. Danke Fuli für diesen Eindruck deines Marktes. Wir haben mal wieder viel gesehen und gelernt, düsen jetzt aber weiter ... Bis auf zwei Flaschen Wasser und ein kleines Gebäckteilchen (undefinierbar) haben wir übrigens nichts gekauft - Obst gibt es auch später noch.

Wir bleiben drei Nächte am Yulong-Fluss und kehren dann noch einmal für eine Übernachtung nach Xingping zurück. Haben wir bei unserer Stippvisite mit dem Roller zwar schon die landesweit berühmte Aussicht auf den Fluss Li-Floss genossen (dieser schmückt den 20-Yuan-Schein) und die hübsche Altstadtgasse durchbummeln, so wollen wir  noch den Sonnenuntergang vom Lozhai-Karstzipfel erleben. Der Karstberg erhebt sich fast senkrecht am Flussufer. Trotz der Warnschilder machen wir uns auf den Weg - gefährlicher als die Mauer kann es ja nicht werden. Und das wird der Aufstieg auch nicht. Zwar geht es steil und schweißtreibend Stufe um Stufe bergauf, aber mit ein bisschen Konzentration ist der Gipfel gut zu erreichen und die Aussicht einfach grandios. Wir sind ganz hin und weg - setzen uns auf einen der Steine und staunen. Seht selbst...

Am nächsten Tag lassen wir es ruhig angehen. Die Aussicht von der Dachterrasse im Hostel ist einfach herrlich, sodass wir noch lange, lange nach dem Frühstück dort oben sitzen. Bevor es zurück nach Guilin geht, setzen wir noch mit der kleinen Fähre auf die andere Seite des Flusses über und spazieren über die kleine Halbinsel durch Pomelo- und Mandarinen-Haine. Vom Flussufer aus beobachten wir die Ausflugsdampfer, die sich mit Hilfe der Strömung und der Motorkraft gen Süden schieben. Südlich vom kleinen Fähranleger liegen (neben Bambusflößen natürlich) auch Fischerboote. Wo Fischer, da auch ein Komoran? Tatsächlich! Da sitzen sie die beiden traurig dreinschauenden schwarzen Vögel. Angebunden auf einem Bambusfloß.  Ob es in und um Yangshuo und Xingping noch traditionelle Kormoran-Fischer gibt, wissen wir nicht. Kormoran-Schau-Fischen wird für Touristen und Besucher angeboten und die Fischer mit ihren Vögeln zieren die Postkarten. Ein Kormoran-Fischer mit Bambusfloß bei Sonnenauf- oder untergang  auf einem von Kartsbergen umgebenen Gewässer - das war eines unserer Bilder, die wir im Kopf hatten, wenn wir an China dachten. Und ja - es gibt sie: Die Karstberge, die sich mystisch im Wasser spiegeln. Und vielleicht gibt es auch noch irgendwo Fischer, die traditionell mit den Kormoranen fischen. Bestimmt.

So fahren wir am späten Nachmittag mit dem Bus zur Highspeed-Railway-Station (15 Minuten), ein überdimensioniertes Bahnhofsgebäude. Für etwa 3 Dollar erstehen wir zwei Tickets für die Rückfahrt nach Guilin(ca. 25 Minuten). Mit dem 300-Stundenkilometer-Zug verlassen wir dieses Kleinod, in dem wir uns sehr wohl gefühlt haben und wo bei uns Reisenden Urlaubs- und Sommergefühle aufgekommen sind.

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